Zwei soziale Stellungen bei Schwertträgern?

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Zwei soziale Stellungen bei Schwertträgern?

Beitragvon Dago » 14.03.2010 00:56

Nach einer Analyse der Schwertbefunde im Bericht : "Das Urnenfelderzeitliche Männergäber Gräberfeld in Neckarsulm" wird angesprochen das es nach den Schartenspuren auf den Schwertern 2 Klassen von Schwerttägern gab, eine kämpfende Klasse, mit Griffangel und Griffzungenschwertern und eine Repräsentierende Klasse mit Vollgriffschwertern. Was ist davon zu halten?
Grüsse
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Beitragvon Steve Lenz » 14.03.2010 14:11

Ich meine, hierzu schon mal was geschrieben zu haben, find´s aber nicht ad hoc auf dem Board. Im Zweifel also nochmal:

Was ich bislang an Umzeichnungen und Röntgenbildern zu Gesichte bekam zeigte mir, daß die mit organischen Materialien montierten Bronzeklingen meist von guter Qualität und entsprechender Dimensionierung waren, während dies bei Vollgriffschwertern (gerne verlunkert und von taktisch nicht verwendbarer Stärke) nicht der Fall war. Bemerkenswerter Weise wurden solche Schwerter gerne überbordend verziert.

Denkmodell 1:

Die Vollgriffschwerter sind deshalb so verziert gearbeitet, weil sie von minderer Kampfqualität waren - Schönes mag man nicht beschädigen. (Fazit: Handwerker ein Schlingel)

Denkmodell 2:

Ähnlich wie in Renaissance oder Barock erfuhr die "zivile" Mode Einflüsse aus dem militärischen Bereich. Hier haben wir das Zerhauene der Soldateska aus Wolle, voll einsatztaugliche stabile Waffen und dort haben wir die Gecken in ähnlich geschnittener Bekleidung (allerdings aus edlen Stoffen) und überverzierte Spielzeuge, welche wie Waffen aussehen, aber mit den Vorbildern betreffend Einsatztauglichkeit nicht mithalten könnten.

Da sich das auch heute wiederholt (tarnfarbene Bustiers, Schulterholster-Taschen, etc.pp.) könnte es also auch zur Urnenfelderzeit welche gegeben haben, welche sich mit dem Nimbus des Kriegers schmücken wollten, ohne aber die Leistung zu erbringen. Posing as usual.

Denkmodell 3:

Die Vollgriffschwerter sind Aufgüsse ehemals kampftauglicher Schwerter, was die dünnen Klingen und filigranen Griffe erklärt (welche ihre Vorbilder in meist organischen Montierungen finden).
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Beitragvon Hans T. » 14.03.2010 16:24

2 Sorten von Schwertern bedingen keine 2-Klassen-Gesellschaft. Ist zwar eine Überlegung, aber es gäbe auch andere Denkmodelle. Der Befund zeigt nur benutzte (Training eingeschlossen) und unbenutzte/schlecht benutzbare Waffen. Viele Jäger haben neben ihrem Handwerkszeug auch geätzte Waffen und sonstigen Firlefanz zu Hause - und sind trotzdem nur eine Person-Ebene-Klasse-Schicht-was-auch-immer

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Beitragvon M. Mödlinger » 16.03.2010 23:28

Kann dazu nur anmerken, dass zumindest in Österreich die Griffzungen(angel,platten)schwerter sich von den Vollgriffschwertern qualitativ am Röntgen nicht wirklich unterscheiden.

Bei den Vollgriffschwertern ist allerdings zu beobachten, dass die Schwerter ab Bz D nicht mehr über das obere Klingenende, sondern primär über die Klingenspitze gegossen wurden. Hängt mit der Funktion als primäre Stich- oder Hiebwaffe zusammen (zusätzliche Schwäche des bei einem Hieb ohnedies stark beanspruchten Heftbereiches)
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