Gesang als Ursprache ?

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Gesang als Ursprache ?

Beitragvon Pitassa » 05.04.2022 23:13

Der Neurologe und Musikphysiologe Eckart Altenmüller vertritt die Auffassung, dass der Gesang des Menschen seiner Fähigkeit zur Sprache als Ausdrucksform zeitlich voranging. Diese These begründet Altenmüller in dem folgenden Werk :

Altenmüller, Eckart : Vom Neandertal in die Philharmonie : Warum der Mensch ohne Musik nicht leben kann, Berlin 2018.

Online auszugsweise verfügbar bei Google Books unter : https://books.google.de/books/about/Vom ... &q&f=false

Musik wird als Ursprache vorgestellt. Bei Marcel Proust, so Altenmüller, ist Gesang und Musik das ältere Kommunikationsmittel und die Menschheit hat mit der Erfindung der Sprache den Garten Eden verlassen, denn nur der Gesang besitzt die Fähigkeit, besonders starke Emotionen auszudrücken. Dem komplexen, sehr klangvollen Gesang, folgt als Kommunikationsmittel die vergleichsweise monotone Sprache. Gezeigt werden in der Ausgabe unter anderem Funde des Musikarchäologen und Paläotechnikers Wolf Hein. Sehr interessant zu lesen !

Gruß in die Runde

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Re: Gesang als Ursprache ?

Beitragvon Blattspitze » 19.04.2022 15:38

Klingt interessant. Ich habe jetzt nur mal in den link reingeschaut und sehe doch einige Definitions- und Abgrenzungsprobleme bei dem was als frühester Gesang und Sprache vorstellbar ist. Zeichensprache kann ich mir auch sehr früh vorstellen ...

Und dem genannten "Wolf Hein" traue ich nicht über den Weg, ich hab` den mal kennengelernt ... :27: :45: :44: :egtved:
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Re: Gesang als Ursprache ?

Beitragvon LS » 19.04.2022 19:58

Urmenschen? Sie sehen aus wie Hippies und ihre Flöten klingen beschissen...
Was sagt wohl unser Wolf Hein dazu?
:mammut2:
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Re: Gesang als Ursprache ?

Beitragvon Pitassa » 19.04.2022 21:19

Die Artikulation mittels Gesang fiel dem Menschen physisch offenbar leichter als die Artikulation mittels Sprache, denn dieser ist Älter. Dies ist derzeit zumindest der Standpunkt der Neurologie. Bei Sprachstörungen, wie etwa Stottern, wird diese heute noch therapeutisch durch Singen überwunden. Ich persönlich denke, dass wir uns vermutlich damit abfinden müssen, dass bereits seit dem frühen Neolithikum viel gesungen wurde, deutlich mehr als im Gegensatz zu heute. Die Artikulation des Menschen verlief demnach vom komplexen und klangvollen zum akustisch und emotional deutlich ärmeren und einfacheren. Der Vorteil : Die Komprimierung von Information. Man kam schneller auf den Punkt.
Das mag unromantisch klingen, aber mir ging es bei der Vorstellung dieses Buches nicht um Missionierung, sondern um die Vermittlung eines interdisziplinären Ansatzes : Die klanglich wesentlich ärmere Sprache ging aus dem an Tönen sehr viel reicheren Gesang hervor. Entsprechend dieser These könnte die menschliche Stimme im Neolithikum überaus musikalisch gewesen sein. Die Primitiven wären demnach wir. :aha:
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Re: Gesang als Ursprache ?

Beitragvon ulfr » 22.04.2022 10:18

LS hat geschrieben:Urmenschen? Sie sehen aus wie Hippies und ihre Flöten klingen beschissen...
Was sagt wohl unser Wolf Hein dazu?


UGA UGAAH!! Uga?

:baer:
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Re: Gesang als Ursprache ?

Beitragvon Sculpteur » 20.06.2022 17:05

Was ist mit Flöten, Pfeifen, Klicklauten?
Sprache dürfte doch zuvorderst durch die Vorbilder der Natur und die ureigensten Instinkte inspiriert worden sein.

Musste Canis Lupus das Bellen erst lernen, oder kommen Hunde bereits bellfähig auf die Welt?

Die Physiognomie und der Körperbau als Ganzes führen doch bei reichlich Bewegung und Atmung automatisch dazu, Lautfolgen auszubilden (Ächz, Grunz, Schluck, Schluchz, Juchz, Schmatz, Aua, Wäääh, Bäääh, Dada, Baba, Mama...).
Vielleicht ist die klassische Comicsprache näher an der Praxis als die Theorie.

Ein Aspekt der auch keinesfalls ignoriert werden darf ist der dem sprachlichen Ausdruck vorhergehende "akkustische Gedanke" (an der Theorie arbeite ich noch): Wir hören etwas und unser Gehirn bildet daraus Sinnzusammenhänge, die es sprachlich auszudrücken sucht. Soll heißen: Ganzheitliches Wahrnehmen, Entwicklung von Sprache, Denken gehen Hand in Hand. Na klar. Ist ja nichts neues. Deshalb kann ich mir unsere den ganzen Tag Arien trällernden Altvorderen schlecht vorstellen (wenn auch das natürlich nicht ausgeschlossen ist).
:4: :18:
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Re: Gesang als Ursprache ?

Beitragvon ulfr » 26.06.2022 10:48

Ich empfehle wie Pitassa das Buch von Professor Altenmüller, der sich intensivst mit der Materie beschäftigt hat - da bleiben kaum noch Fragen offen.
Seiner Meinung nach haben sich Sprache und Musik aus einer gemeinsamen Wurzel entwickelt (S. 69):

Emotionale akustische Signale > Gruppenbildung > "Urmusik" ("Pant-Hoots" der Schimpansen)
Danach Aufspaltung in:
A) Gebärden > diffenrenzierte Arbeitsorganisation > tonale Sprachen > Intonationssprachen
B) Gruppenbildung, emotionale Erhebung > Singen/Musik

und am Ende wieder Zusammenführung > Musik als Sprachträger

Ein differenzierteres Modell stellt er auf Seite 462 in Abb. 6.1 vor
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Re: Gesang als Ursprache ?

Beitragvon Sculpteur » 26.06.2022 12:51

Vielen Dank für den Hinweis, Ulfr!
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