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Verzinnen in der Römerzeit

BeitragVerfasst: 12.05.2008 16:59
von Medusa
Weiß jemand die Vorgehensweise beim antiken Verzinnen z.B. wie hat man einen Messinghelm verzinnt ? Kann man herausgearbeitete Aplikationen allein verzinnen?

Ich bin da neulich beim Lesen im Junkelmann "Gladiatoren" über dieses Thema gestolpert und zitiere mal aus seinem Buch:

Die durch Treibarbeit bewirkte Reliefierungder Oberfläche vieler Gladiatorenhelme ließ noch einen weiteren Vorteil der Bronze zur Geltung kommen: an konnte sie im Gegensatz zum Eisen verzinnen (seltener vergolden oder versilbern). Dadurch wurde eine silberne Farbe erzielt, die schön mit dem unverzinnt gebliebenen Teilflächen kontrastierte.


Also, um die Fragen noch mal zu spezifizieren, ich möchte wissen, ob nun das herausgetriebene Relief verzinnt wurde, so daß "silberne" Figuren auf einem goldschimmernden Helm waren, oder ob der Helm komplett verzinnt wurde und dann erst die Figuren herausgetrieben wurden, so daß dann die Verzinnung an diesen Stellen abplatze und "goldene" Figuren auf einem "silbernen" Helm zu sehen sind. Leider führt Junkelmann dieses nicht aus. Habt Ihr da eine Idee?

BeitragVerfasst: 12.05.2008 17:46
von Hans T.
Erst verzinnen und dann treiben geht nicht, da die Treibarbeit das Material verdichtet und es nachgeglüht werden muss - und weg ist das Zinn. Solche Verzinnungen müssen immer 'hinterher' ausgeführt werden. Wobei es recht egal ist, ob es sich um die Figur oder den Hintergrund handelt, es geht beides.

H

BeitragVerfasst: 13.05.2008 08:36
von XorX
Das Zinn würde auch nicht abplatzen, da es in den Berührflächen zu einer Art Legierung kommt und das Zinn sich auch gut plastisch verformt.

Junkelmann irrt übrigens, wenn er meint, Eisen ließe sich nicht verzinnen...

XorX

BeitragVerfasst: 13.05.2008 13:54
von Peter N.
Dadurch wurde eine silberne Farbe erzielt, die schön mit dem unverzinnt gebliebenen Teilflächen kontrastierte.


Junkelmann ist hier auch ein bißchen unfachlich. Die silberne Farbe wird alsbald durch natürliche Passivbildung dunkelgrau und auch bei polierter Bronze muß nachpoliert werden.... - mit den Konsequenzen halt...

Mit viel Geschick können sicher auch nur erhabene Teile verzinnt werden. Wie dies damals handwerklich erfolgte ist wohl aber im "Dunkel der Geschichte" verloren gegangen.

Gibt es überhaupt davon entsprechende Funde?

P.

BeitragVerfasst: 13.05.2008 14:39
von Fridolin
Man sollte darauf achten, in welcher Form die Verzinnung vorliegt. Bei Auflagen von metallischem Zinn auf Bronze hat Peter recht. Zinn ist grau und läuft rasch an. Daran glaube ich weniger. Vermutlich hat man das Zinn in die Bronze hineindiffundieren lassen, so dass kein metallisches Zinn mehr an der Oberfläche vorliegt sondern eine oberflächlich mit Zinn angereichte Bronze. Zinnreiche Bronze glänzt wie Silber und ist anlaufbeständig (Weissbronze)! Römische Metallspiegel bestanden z.T. aus zinnreichen Bronzen....

Zinnreiche Weissbronzen wiederum sind sehr spröde, Gussstücke lassen sich nicht schmieden.

Ein Literaturtip: David Scott (1991): Metallography and microstucture of ancient and historic metals. The Paul Getty Trust.

(Die o.a. Arbeit von Paul Craddock über die verschiedenen Erscheinungsformen der "Verzinnung" suche ich noch raus...)

Viele Grüße

Fridolin

BeitragVerfasst: 13.05.2008 14:51
von Nils B.
Fridolin hat geschrieben:Zinnreiche Bronze glänzt wie Silber und ist anlaufbeständig (Weissbronze)! Römische Metallspiegel bestanden z.T. aus zinnreichen Bronzen....
Zinnreiche Weissbronzen wiederum sind sehr spröde, Gussstücke lassen sich nicht schmieden.


Wurde bei solchen Verbindungen nicht noch zusätzlich Blei zugegeben?

BeitragVerfasst: 13.05.2008 15:49
von Fridolin
In gegossener Weissbronze kann Blei enthalten sein: In der o.a. Arbeit von Scott ist der Querschliff eines gegossenen römischen Spiegels aus Weissbronze abgebildet, in dem das Blei abgeseigert ist (Schwerkraftseigerung). Beim Verzinnen von Bronze, da bin ich jetzt überfragt, aber ich denke, dass in diesem Fall das Blei eher stören dürfte (Anlaufen?).

Viele Grüße

Fridolin

BeitragVerfasst: 13.05.2008 17:07
von Fridolin
Es war doch keine Arbeit von Craddock sondern eine von Meeks:

Meeks, N.D. (1986) Tin-rich surfaces on bronze - some experimental and archaeological considerations- Archaeometry 28, 133-162

Abstract der Archaeometry:
Tin-rich surfaces found on bronze antiquities may be the result of man-made or natural processes. The difficulties encountered in distinguishing between these processes are discussed and illustrated with reference to the surface structures obtained on experimentally tinned copper and bronze. Heat treatments were carried out on the experimental material to allow observation of the growth of the intermetallic compound layers on the surface, and of changes that occur at various significant temperatures. The experimental reduction of cassiterite directly onto the surface of copper and bronze is illustrated for the first time. Examples of tin-rich surfaces found on various antiquities are illustrated and are compared with the experimental material for interpretation. Scanning electron microscopy and microanalysis were the primary tools used in this study.

BeitragVerfasst: 13.05.2008 18:34
von Hans T.
Weissmetall, also eine Zinn-Bleilegierung, läuft nicht so schnell an und bleibt sehr lange ohne Polieren hell silbrig. Meine Römerliteratur ist zwischenzeitlich etwas unsortiert, aber ich bin mir sicher, dass es mit Weissmetall überzogene Objekte ( Coolus-Helme zB) gibt.

@Xorx,
klar bleibt Zinn plastisch verformbar. Die Frage ist nur, ob es nicht beim Nachglühen abraucht. Und: Sehr oft werden plastische Treibarbeiten 'von hinten' durchgeführt, die Vorderseite ist im Treibpech o.ä. eingebettet. Würdest du die Vorderseite vorher verzinnen und dann einbetten?

H

BeitragVerfasst: 13.05.2008 22:31
von Blaubär
Abrauchen tut das Zinn beim Ausglühen nicht. Es legiert mit dem Trägermaterial. Ist mir selbst schon passiert. Hab beim Verzinnen zu lange mit der Lötlampe rumgekokelt und schwupps war die Bronze unten drunter nicht mehr 6%ig und das Zinn war weg. Ergebnis: Die Bronze war heller. Ich persönlich denke allerdings, das erst getrieben wurde und dann verzinnt. Man muß ja schließlich sehen was verzinnt werden soll. Die Technik, wie man das sauber abgrenzt würde mich interessieren. Zinnpaste hatten die Römer ja nicht, soviel ich weiß.

Grüße
Blaubär

BeitragVerfasst: 13.05.2008 22:51
von Hans T.
Könnte man die Stellen, die man nicht verzinnen will, abdecken? Irgendwas aus Gips? Oder irgendwas, was die nicht zu verzinnenden Stellen oxidiert?

Ich löte immer wieder Weissmetall - mit Weissmetall. Ich könnte mir durchaus vorstellen, dass mit einem stiftähnlich zugeschnittenen / gegossenen Stück Weissmetall auf der erhitzen Bronzeblech-Stelle regelrecht 'gezeichnet' werden kann.

H

BeitragVerfasst: 13.05.2008 23:49
von Fridolin
Kesselflicker verzinnen innen die Kupferkessel, indem sie einen Zinnstab auf dem heißen Kupfer reiben. Die Schmelztemperatur von Zinn beträgt ja nur 232 Grad, nix weltbewegendes also. Antike Verzinnung besteht meines Wissens ebenfalls nur aus Zinn, das mehr oder weniger tief in das Kupfer bzw. Bronze hineindiffundiert ist. Mit dem Begriff Weissmetall habe ich einige Schwierigkeiten, weil sie laut RÖMPP "vorwiegend Legierungen auf Zinn-, Blei-, Antimon- und Kupferbasis darstellen". Zumindest die Sn- und Pb-Gehalte können stark variieren. Über die Schmelzpunkte habe ich auf die Schnelle nichts in Erfahrung bringen können, auch nicht, ob diese Legierungen bereits von den Römern verwendet wurden.

Bereiche, die nicht verzinnt werden sollten, könnten mit Lehm abgedeckt worden sein. Gips zerfällt bei ca. 110 Grad zum Halbhydrat, dürfte also wegbröseln.

BeitragVerfasst: 14.05.2008 08:36
von XorX
Also ich würde immer erst die Verformung machen und am Schluß die Oberfläche finishen; das sag ich jetzt als Handwerker ohne mich irgendwie auf arch. Funde e etc. zu berufen... Man arbeitet halt von grob nach fein.

Die einfachste "Abdeckung" nicht zu verzinnender Stellen könnte tatsächlich durch gezielte partielle Oxidation erfolgt sein; jeder Metaller lernt, daß Oxide der größte Feind einer gelungenen Lötung ( was anderes haben wir hier ja nicht ) sind.
So eine Oxidation erreiche ich z.B. mit Essig, mit dem Pinsel aufgetragen.
Evtl doch vorkommende Fehlerstellen an der Übergangszone verzinnt / unverzinnt muß man wohl nachträglich spanend / schleifend korrigieren, was aber auch kein unüberwindliches Problem darstellen sollte.

XorX

BeitragVerfasst: 14.05.2008 12:30
von Blaubär
Ahoi,

na klar einfach nachschleifen an den Rändern. Hätte ich auch selber drauf kommen können.