Bastgeschwindigkeit

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Beitragvon ulfr » 26.08.2009 08:22

.... genauso wie das Spinnen, in orientalischen Ländern sah man früher (ob es heute auch noch so ist, wiß ich nicht) überall Menschen mit Spindeln, die ganz nebenbei Garn herstellten.
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Beitragvon Mela » 26.08.2009 10:25

Eben, darum denke ich, dass die "Arbeitszeit" dann eine ganz andere ist.

Liebe Grüsse

Mela (die leider nicht gleichzeitig tippen und zwirnen kann :wink: )
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Beitragvon Chris » 26.08.2009 11:23

ulfr hat geschrieben:.... genauso wie das Spinnen, in orientalischen Ländern sah man früher (ob es heute auch noch so ist, wiß ich nicht) überall Menschen mit Spindeln, die ganz nebenbei Garn herstellten.


in der Lüneburger Heide z.B. wars bis in die 50er auch noch so - Spinnen oder Strümpfe Stricken neben anderer Arbeit, z.B. dem Schafe hüten :D
Me transmitte sursum, Caledoni!
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Beitragvon Jörg Nadler » 07.09.2009 01:21

Mit dem Zwirnen von Bastschnüren habe ich bislang auch kaum mehr als 1,5 Mtr. pro Stunde beim Zwirnen dünner Schnüre geschafft.
Bei Netzoberleinen bin ich noch wesentlich langsamer, da diese sich nicht viel dehnen dürfen.
Meist nehme ich mir die Arbeit an Bastschnüren mit aufs Boot während der Anfahrt zu den Netzen, wobei ich den Lindenbast nass verarbeite.
Zu Bastschnüren gibt es interessante ethnologische Vergleiche.
Bei den fischenden Indianern der Nordwestküste der USA wurde der Bedarf an Bastschnüren gemeinschaftlich hergestellt.
Neben Bast aus verschiedenen Baumarten wurde dort auch auch viel Nessel verarbeitet, welche das Rohmaterial für feingezwirnte Stellnetze
der indianischen Fischerkollegen lieferte.(Indian Fishing, Hilary Steward, Net and Netting, Seite 79)
Bast wurde neben der Verwendung als Oberleine für Netze auch für Keschernetze und Zugnetze verarbeitet.
Im Gegensatz zum Bast wurden Nesselfasern auch mit der Spindel verarbeitet.
Ansonsten wurden auch Nesselfasern genau wie Bast zur schnelleren Verarbeitung mit der Handinnenfläche über den Oberschenkel gedreht.
Ein Netz der Salish Indianer zum Lachsfang (Reefnet), welches wie eine Mischung aus Hamen und Senknetz eingesetzt wurde, fertigte die Fanggemeinschaft komplett aus Weidenrinde an.
Weidenrindenseile gab es übrigens auch in Mitteleuropa noch in der 1. Hälfte des 20 Jh. in der Fischerei am Niederrhein mit Neunaugenpricken (So fischte man am Niederhein, W. Böcking, Seite 85)
Leider erwähnt die Literatur aber nichts über die Geschwindigkeit der Herstellung der benötigten Netzgarne sowohl der indianschen Fischerkollegen oder auch der Weidenseile der Rheinfischer.
Und die Generation der letzten Fischer beiderseits des Atlantiks, welche dazu Auskunft geben könnte, ist leider auch schon verstorben
Ich bin mir sicher das sich die Ergebnisse auch für die Fischerei im vorgeschichtlichen Europa übertragen ließen.
Jörg Nadler
 

Beitragvon ulfr » 07.09.2009 21:39

Mit einiger Vorsicht, Jörg: Mein Vater ist ja eigentlich gelernter Fischer, wie Du weißt, und als ich ihm erzählte, wie schwer ich mich mit meinen Netzen tue, lächelte er nur mitleidig und meinte: "Hanf-Colli aufdröseln, auf dem Oberschenkel rollen, was soll daran so schwierig oder langwierig sein?" Daraufhin hab ich ihm ein Bündel Rohbast in die Hand gedrückt und gesagt: "Mach ma!", und nach einer Viertelstunde haben wir uns dann daruf geeinigt, dass er mir nur die Knoten zeigt, mit dem Garn herstellen wollte er partu nix to dån hebbn...
Ich könnte mir sehr gut vorstellen, dass das Anfertigen von Garnen, die man ja überall und immer braucht, Gemeinschaftsarbeit war, wie Du ja auch schreibst, ähnlich wie bei meinen Schweizern vom Pfahlbauexperiment: Sie brauchten/wollten einen Fliegenvorhang für ihr Wohnhaus, und die Kinder haben in tagelanger Arbeit zusammen die Schnüre hergestellt.
Je höher der Bär auf den Baum klettert, desto mehr sieht man seinen Arsch.
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Beitragvon Jörg Nadler » 08.09.2009 00:42

Hallo Wulf,
die Reaktion Deines Vaters kommt mir bekannt vor.
Bastschnüre drehen, schiebe ich in der Regel immer sehr gerne auf.
Dabei muss ich leider demnächst noch für 2 Netze neue Bastoberleinen drehen. Zusätzlich leider auch noch Fangleinen für Harpunenspitzen.
Lieber arbeite ich da doch an den Netzen.
Einen geplanten Kescher mit knotenlosen Netz schiebe ich deshalb auch schon schon seit Jahren immer wieder auf.
Aber die vorrausgegangen Beiträge beruhigen mich doch sehr, ärgerte ich mich bislang sehr über mein "Schneckentempo" beim Bast verarbeiten.
Wenn ich mir dann auch noch die Ausmaße indianischer Bastnetze des 19 Jh. von der Pazifikküste ansehe und an den Arbeitsaufwand der Fischer jener Zeit denke.
Wieviele tausend Arbeitsstunden werden deren Familien wohl in ein solches Netz investiert haben, bevor der erste Lachs darin zappelte.
Und das incl. der Materialbeschaffung, Vorverarbeitung.........
Besonders würde mich die Haltbarkeit von Bastnetzen im Vergleich zu Brennessel, Leinen oder später auch Hanfnetzen interessieren.
Ein Baumwollstellnetz hielt nach Auskunft älterer Fischerollegen trotz Pflege bei regelmäßigen Gebrauch aus heutiger Sicht "nur" etwa 2 Jahre.
Bei den vorgeschichtlichen Kollegen gehe ich davon aus, das ständig in den Familien am Nachschub von Rohmaterial für neue Netze gearbeitet wurde.
Dagegen ist mein bisschen Bastschnur drehen über das Jahr wirklich nichts.
Wahrlich wohl unbequeme Zeiten aus Fischersicht
Jörg Nadler
 

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