Skandal auf dem Glauberg

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Skandal auf dem Glauberg

Beitragvon ulfr » 05.05.2011 19:38

Kaum ist der Keltenfürst wieder auf seinem Berg, wird er heute zur offiziellen Eröffnung von zwei Braunhemden einer Sicherheitsfirma bewacht, die der rechtsextremen Szene zugeordnet werden:

http://www.fr-online.de/rhein-main/neon ... 8412392/-/

Die ersten Grabungen fanden übrigens 1933 statt.

:traurig: :wut1: :smilodon:
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Re: Skandal auf dem Glauberg

Beitragvon Turms Kreutzfeldt » 09.05.2011 08:10

Keltengruppen werden ausgeladen, Nazis als Sicherheitsleute eingeladen. Schlimmer geht es nicht mehr. Jeder Hausmeister im öffentlichen Dienst wird überprüft, aber sicherheitsrelevante Angelegenheiten werden dubiosen Privatfirmen mit Nazi-Personal überlassen???

:wut1: :wut1: :wut1:
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Re: Skandal auf dem Glauberg

Beitragvon Fridolin » 11.05.2011 19:52

Holocaust-Leugnung im Museum
Der Skandal um die beiden geschassten Wachleute im Keltenmuseum auf dem Glauberg wird immer brisanter. Die Museumschefin soll schon Tage vor der Eröffnung von der rechtsextremen Einstellung eines der Männer gewusst haben.

http://www.fr-online.de/rhein-main/holo ... 8435906/-/
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Re: Skandal auf dem Glauberg

Beitragvon hugo » 11.05.2011 20:36

Ethnische Zuordnungen sind in der Archäologie immer problematisch. Nur wenn sie durch schriftliche Quellen gesichert sind, sollte man sie verwenden. Es sind aber meistens Stammesnamen, die überliefert wurden und die mehr aussagen als die Sprachgruppe, der sie angehören. Aber "Keltenfeste" bringen halt mehr Publikum. Auch im Germanengehöft in Elsarn war ich anfangs misstrauisch. Es zieht aber eher dunkle Gothicgestalten an.
Im Linzer Schloßmuseum wurde die ethnische Durchdringung im FMA vorbildlich pragmatisch gelöst. An der Vitrinenrückwand stehen bairische und slawische Namen, die für diese Zeit in Oberösterreich belegt sind. In der Frühmerowingerzeit habe ich bei den von mir bearbeiteten Gräbern den Eindruck, dass eine ostgermanische Population aus hunnischem Einflussbereich im Herulerreich sesshaft wurde. Damit fällt der Mythos vom "reinen Germanen" oder Kelten, der unweigerlich Rechtsextreme anziehen würde.

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Re: Skandal auf dem Glauberg

Beitragvon Turms Kreutzfeldt » 12.05.2011 09:30

Ethnische Zuordnungen sind in der Archäologie immer problematisch.
Dabei geht es wohl auch mehr um Fremdenverkehr: "Keltenmuseum", "Keltenstraße", "Keltenrestaurant" und "Keltenbier". Es gibt sogar keltische Sportveranstaltungen .... Inwieweit sich die Archäologie hier zum Büttel des Fremdenverkehrs machen muss, ist eine andere Frage. Irgendwie muss man ja an die Fleischtöpfe kommen. Mit einem einzelnen Fund oder so etwas wie mit "Himmelswegen" zieht sicher auch Spinner an, aber nicht so völlig "krasse Helden". Die Wissenschaft geht zum Glück andere Wege und auch die Reenactors folgen dem zum größten Teil. Über die wenig glorreichen Ausnahmen haben wir hier schon diskutiert.
Das hier in Glauberg übersteigt alles. Und es ist wieder eine Museumsleitung, die sich als wenig sensibel zeigt. Wie heikel das Thema geworden ist, zeigt das direkte Eingreifen des Ministeriums.
Findet demnächst in Glauberg noch eine Tagung des Front National statt??? Würde mich nicht wundern. Am Besten mit Marine persönlich, die ihr Publikum so gerne "führerfraulich" grüßt.

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Re: Skandal auf dem Glauberg

Beitragvon Nils B. » 12.05.2011 10:23

Was mich interessiert ist, ob das willkommene mediale Aufsehen um diesen Vorfall einer lokalen Vorgeschichte geschuldet ist (man spricht ja in den Artikeln von ortsbekannten Personen), oder ob man hoffen darf, daß eine gewisse Sensibilisierung zum Thema radikale Ideologien und Museen stattgefunden hat, nachdem es vor zwei Jahren einen wellenschlagenden ähnlichen Vorfall in Paderborn gegeben hatte. In letzterem Fall wäre es sehr tragisch, daß offenbar zwar die Presse dazugelernt hätte, nicht jedoch die Fachverantwortlichen.
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Re: Skandal auf dem Glauberg

Beitragvon ulfr » 12.05.2011 11:20

Nun, die Wetterau fällt schon seit Jahr(zehnt)en immer mal wieder durch rechtsextreme Tendenzen und Vorfälle auf, aktuell hat sich hier jemand in seine Kellerbar Duschköpfe an die Decke montiert, aus denen Trockeneisnebel wabert, da finden dann so genannte "Kammerparties" statt. Anwohner, die sich dagegen wehren, werden bedroht und tätlich angeriffen:

http://www.fr-online.de/rhein-main/-ver ... index.html

Allerdings wird es mittlerweile ungemütlicher für die Gruppe, der Hauptakteur ist auf Bewährung, es gab Hausdurchsuchungen etc., und es hat sich eine BI gebildet. Mehr gern per PM.
Ob die beiden vom Glauberg dazu gehören, ist nicht sicher, aber die sind hier alle ziemlich gut vernetzt.

Politik ist ja eigentlich nicht der Inhalt dieses Forums, aber ich bitte als mittelbar Betroffener um Verständnis, zumal hier Archäologie und Mißbrauch seitens einer Ideologie zusammenfallen wie in letzter Zeit öfter zu beobachten. Was mich immer wieder irritiert, ist, dass es anscheinend niemandem auffällt, welch Geistes Kind die Leute da sind, die muntere Reiterspiele veranstalten oder weltbekannte Steinstelen bewachen. Und wenn es jemandem auffällt, wird viel zu oft geschwiegen - vor allem auf Leitungsebene: "Halt Di da raus, na kommsch in nix nei"

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Re: Skandal auf dem Glauberg

Beitragvon Turms Kreutzfeldt » 12.05.2011 13:15

Es wird natürlich nur berichtet, wenn die Kerls da durchrutschen, wenn Du mal ein paar von denen vom Platz wirfst, bekommt das kein Mensch mit.

Das Ansehen einer bekannten Fundstelle gehört hier schon zum Spektrum, über das wir diskutieren können.

Platzwart Turms
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Re: Skandal auf dem Glauberg

Beitragvon pinguin » 14.05.2011 11:16

Also jetzt mal langsam.
der Vorfall ist höchst bedauerlich und eine Katastrophe für ein Prestigeobjekt erster Güte in Hessen, das insgesamt laut Ministerpräsident auf der Eröffnungsfeier 17 Mio Euro gekostet hat und als Freilichtmuseum einen mustergültigen dezentralen pädagogisch neuen Ansatz versuchen sollte. Nazis haben in Freilichtmuseen nichts zu suchen, da sind wir uns einig.
Wenn aber jetzt die integre Museumsleiterin stellvertretend öffentlich anstelle der beauftragenden Regierung jetzt in der Presse für die verantwortliche Ministerin hingerichtet werden soll, mit allen Folgen für ihre berufliche Zukunft siehe:
http://www.welt.de/print/welt_kompakt/f ... caust.html
obwohl sie die Wachmannschaft nicht eingestellt hat und 2 Tage vor Eröffnung nebenbei etwas von Dritten über die rechte Gesinnung eines Wachmanns gehört hat und arbeitsrechtlich juristisch in 48 Stunden hier wohl für kaum jemand bei bestehenden Verträgen etwas zu machen gewesen wäre , dann ist das Vorgehen gegenüber der Archäologin nicht angemessen. Frau Kollegin hat 2008 einen viel beachteten Kongreß über NS und Archäologie veranstaltet. Sie hat mit Rechts nicht am Hut, im Gegenteil. Hier tritt ein allgemeines gesellschaftliches Problem im Umgang mit Holocaust-Leugnern auf, das am besten mit einer Bildungsoffensive oder einem zweiten Kongress auf dem Glauberg über die Rekonstruktion falscher Identitäten aus der Geschichte heraus beantwortet werden sollte, als mit der Suche nach einer "Schuldigen" im Museum.
Wenn jetzt dies auch als Argument dafür genommen wird, die living history Szene wegen "Verdacht" ins Abseits zu stellen http://npd-blog.info/2011/05/06/neonazi ... tenmuseum/
dann brauchen wir dringend eine Fortsetzung der Diskussion.
pinguin
 

Re: Skandal auf dem Glauberg

Beitragvon ulfr » 14.05.2011 11:57

Wie Du weißt, Pinguin, sind wir hier im Forum von schnellgeschossenen Vorverurteilungen und "Hinrichtungen" weit entfernt, zu guten Glücke!! Deine Einschätzung de Museumsleiterin kann ich weder bestätigen noch dementieren, denn ich kenne sie nicht persönlich, ich nehme sie mal als gegeben an. Umso rätselhafter wird mir dann ihr Verhalten ab dem Zeitpunkt, als ihr die rechte Einstellung des Wachmanns bekannt gemacht wurde. Natürlich ist es schwierig, konkrete Maßnahmen zu ergreifen, wie schnell das aber gehen kann, zeigt die Eile, mit der das Ministerium am Eröffnungsstag dafür gesorgt hat.
Ich teile indessen Deine Einschätzung, dass es nicht damit getan ist, irgendjemanden über Gebühr für diese peinliche Panne zur Verantwortung zu ziehen, sondern dass es in der Tat wichtiger ist, den Mißbrauch der Geschichte für was-auch-immer zu thematisieren, am besten bei einer Tagung am Ort des Geschehens. Auch das könnte dazu beitragen, den Wirrköppen und Ewiggestrigen das Ruder erst gar nicht zu überlassen.
In unserem Lokalblatt wird übrigens heute - im Zusammenhang mit dem Keltengruppenverbot am Glauberg - der Vorfall von Paderborn plötzlich zu einem "Eklat am Rande eines Keltenfestes am Niederrhein" verbogen, und wieder wird die LH-Szene generalverdächtigt ... für uns alle keine gute Werbung.
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Re: Skandal auf dem Glauberg

Beitragvon pinguin » 14.05.2011 13:42

Lieber Ulfr,
Frau von K. ist integer. Sie hat auf das Gerücht am Kaffeetisch nicht reagiert. Das ist das Problem der Sorgfaltspflicht der Chefin. Aber wer schon einmal eine Museumseröffnung mitgemacht hat, weiß was 2 Tage in einem Museum vorher los ist, wenn Prominenz in dieser Form kommt, auch wenn das nichts entschuldigt. Es ist ihr Problem nicht gleich die Verantwortlichen in Wiesbaden angerufen zu haben. Hier stimme ich zu.
Der Kern des Problems ist für mich jedoch nicht dieses Fehlverhalten, unentschuldbar aber nicht grob fahrlässig, da das Ministerium die Wachmannschaft eingestellt hat, weil die billigste, sondern der reflexartige Umgang. Ein Museum mit allen Mitarbeitern wird diskreditiert, die LH Szene dazu und rechts hat eine Öffentlichkeit von der sie sonst nur träumen können. Was bedeutet das?
Was bleibt dann? Rechts und Archäologie. Kelten und Germanen, Vorfahrenkult - wir wußten es doch schon immer.
Rekapitulieren und Reflektieren wären hier allerdings richtiger, als einmal Soße und umrühren. Damit ändert sich nicht sehr viel.

Also Kongreß zum Thema Identitäten falsche und richtige in Hessen und nicht Entlassung einer Direktorin und Schulddiskussion.
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Re: Skandal auf dem Glauberg

Beitragvon ulfr » 15.05.2011 16:00

FAZ und FR sprechen von immer mehr Unklarheiten im Zusammenhang mit der Glauberg-Panne:

http://www.fr-online.de/rhein-main/imme ... index.html

Zeigt mal wieder, wie vorsichtig man mit Presse, Gerüchten, ministeriellen Verlautbarungen etc. umgehen sollte. Wir brauchen wohl auch nicht mehr groß auf dem Thema rumzureiten, sollten aber Pinguins Idee, die Entwicklung, die in Paderborn als Reaktion auf das unsägliche Vorkommnis ihren Anfang genommen hat, nicht aus den Augen verlieren und den Ansatz weiter verfolgen, das Thema "Wer macht Geschichte" immer wieder aufs Tapet zu bringen. Bei einem solchen Kongreß bin ich gern dabei.
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Re: Skandal auf dem Glauberg

Beitragvon pinguin » 15.05.2011 19:26

Danke Ulfr.
"Wer Macht Geschichte" ist gerade auch das Thema unseres Seminars in Tübingen. Wer die Macht hat macht sie. Dies zu reflektieren würde sich sicher in vieler Hinsicht lohnen.
In Ergänzung: Wem gehört Geschichte :roll:
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Re: Skandal auf dem Glauberg

Beitragvon Turms Kreutzfeldt » 16.05.2011 08:55

Hatte ich was gegen die Museumleiterin gesagt ??? :mammut1:

Allerdings finde ich die Vorgänge schon ein bißchen komisch. Einerseits verbietet man Keltengruppen, andererseits reagiert man so unsensibel auf Hinweise. Und warum haben sich die Herren wie eine Leibwache direkt neben die Statue aufgebaut (isch kenne dat diskreter)? Warum diese zwei Herren? Hat der Journalist die Leitung informiert oder es gleich an die große Glocke gehängt? Sicherlich alles sehr unglücklich für die Museumsleiterin und das Ministerium sollte sich eigentlich schützend vor sie stellen, aber merkwürdig ist das alles schon. Wie ich eben an anderer Stelle las, es ist nicht ungewöhnlich, dass sich Nazis in Wachdiensten tummeln (bei uns in Osten kommt vielleicht noch ein bißchen Stasi dazu), und somit kann dies sich in jedem anderen Museum locker wiederholen. Wie ich oben schon schrieb, öffentlicher Dienst wird in der Regel überprüft, aber was privat dazugeholt wird, entzieht sich der Kontrolle, wenn darauf nicht geachtet wird.

Es ist also nicht nur ein Fall Glauberg und Hinweise auf die LH-Szene ist reine Ablenkung. Anscheinend ist bald schon die Beschäftigung mit Geschichte außerhalb der Beschäftigung mit der Nationalsozialismus stark verdächtig.

nachdenklich, der Turms
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Re: Skandal auf dem Glauberg

Beitragvon S. Crumbach » 16.05.2011 09:15

Mit Bezug auf Hugos Beitag vom 11.5.11 möchte ich auf eine weitere spannende aktuelle Diskussion hinweisen:
http://www.voelklinger-huette.org/
"Die Kelten als älteste Kultur Europas" als Aussage von Herrn Grewenich hat die AiD in der aktuellen Ausgabe zu einer abwehrenden Stellungnahme zu solchen Formulierungen veranlaßt. Gerne stelle ich heute Abend einen Auszug als Zitat hier ein.

Kristisch gesehen wird hier nur die "älteste" Kultur - nicht aber die Deutung "Kelten" als Ethnische Zuordung in der Überschrift zur Ausstellung.

Wenn man mit dem "Problemfeld" weiterkommen will, muß meiner Meinung nach an dieser Stelle angesetzt werden.

Die Frage nach der Verantwortung für Gesinnung und Selbstdarstellung von Mitarbeitern in Museen wirf für meine Begriffe zu Recht die Frage nach der Position von LH-Darbietungen in Museen auf. Denn auf Zeit ist jeder Darsteller ein auf das Museum bezogener Mitarbeiter.
Und für mich fangen die Probleme schon bei Aussagen wie "Ich fühle mich als Keltin" an. Angesetzt werden sollte schon bei Positionierung und Inhalt solcher Aussagen.

An dieser Stelle ist meiner Meinung nach ganz klar die Leitung und der Bezug auf das Gesamtkonzept eines Museums und einer Ausstellung gefragt.
S. Crumbach
 

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